


SUBNORDICA – Jenseits versunkener Landschaften
Während der letzten Eiszeit war der weltweite Meeresspiegel bis zu 130 m niedriger als heute und große Flächen des heutigen Meeresbodens, unter anderem in Nord- und Ostsee, waren landfest. Infolge der nacheiszeitlichen Klimaerwärmung breitete sich hier, ab ca. 9600 v.Chr., eine Feuchtlandschaft mit Wäldern, Seen und Mooren aus. In dieser lebten die Menschen der mittleren Steinzeit in mobilen Gruppen vom Jagen, Sammeln und Fischen. Sie hinterließen Spuren ihrer Siedlungsplätze, die in Folge des Meeresspiegelanstiegs überflutet wurden.
Während in der Ostsee zahlreiche unter Wasser erhaltene Fundplätze dieses Zeitraums bekannt sind, sind vor allem in den tieferen Bereichen der Nordsee, in denen ebenfalls mit kulturellen Hinterlassenschaften zu rechnen ist, entsprechende Fundplätze nur schwer zu lokalisieren. Sie sind häufig von mehreren Metern mächtiger Meeressedimenten bedeckt.
Vor diesem Hintergrund erforscht das als ERC Synergy Grant geförderte Projekt SUBNORDICA die versunkenen nacheiszeitlichen Landschaften in Nord- und Ostsee. Dort haben sich Spuren und Siedlungsplätze der steinzeitlichen Menschen besonders gut erhalten. Sie können Aufschluss über die Entwicklung und Vielfalt der damaligen Kulturen geben und erlauben einen genauen Blick auf die Anpassung der Menschen an den steigenden Meeresspiegel. Gleichzeitig sind die Siedlungsplätze in den versunkenen Landschaften aufgrund der vielfältigen Bauaktivitäten im Offshore-Bereich akut gefährdet.


Gemeinsam entwickeln die Projektpartner des NIhK an den Universitäten Bradford (UK) und Aarhus (DK), am Museum Moesgaard (DK) daher anhand von Erkenntnissen aus der Ostsee neue Methoden zur Lokalisierung und Untersuchung der schwer zugänglichen archäologischen Fundplätze in der Nordsee. Hier bringt das NIhK seine geologische Expertise bei offshore-Expeditionen in der Nordsee mit ein und ist an der Rekonstruktion der dort erhaltenen, versunkenen Landschaften beteiligt.
Schwerpunkt der SUBNORDICA-Arbeiten im NIhK sind vor allem mit den versunkenen Wäldern und Siedlungsplätzen in der südlichen Ostsee und ihrer Umgebung. Ihnen widmet sich das Team um Projektleiterin Dr. Svea Mahlstedt gemeinsam mit Kooperationspartnern am Leibniz Institut für Ostseeforschung Warnemünde sowie den Partnerinstitutionen der Universitäten Rostock und Szczecin und den archäologischen Landesämter Mecklenburg-Vorpommerns und Schleswig-Holsteins. Feldarbeiten finden seit Frühjahr 2025 in der Wismarbucht statt, in der bereits im Rahmen des SINCOS-Projekts mehr als 20 steinzeitliche Fundstellen nachgewiesen wurden, die es nun weiter zu untersuchen gilt. In dieser Region verlagerte sich im Zuge des holozänen Meeresspiegelanstiegs die damalige Küstenlinie zwischen dem 7. und 4. Jahrtausend v. Chr. um mehrere Kilometer landeinwärts. Archäologische Untersuchungen aus den frühen 2000er-Jahren dokumentierten dabei einen Wandel der Subsistenzstrategien. Die räumliche Verteilung und Zusammensetzung der Funde lässt darauf schließen, dass mobile steinzeitliche Gruppen unterschiedliche Plätze bewusst für spezifische Aktivitäten nutzten.
Die aktuellen Untersuchungen konzentrieren sich neben der Wismarbucht auf versunkene Waldlandschaften vor der Halbinsel Darß-Zingst. Für den Spätherbst 2026 ist zudem eine Expedition mit dem Forschungsschiff „Elisabeth-Mann-Borghese“ in tiefere Bereiche der Ostsee geplant, in denen ebenfalls gut erhaltene Landschaftsoberflächen sedimentologisch beprobt werden sollen. Ein weiterer Schwerpunkt liegt an der polnischen Ostseeküste und im Bereich des Stettiner Haffs. Dort deuten archäologische Zufallsfunde sowie untergegangene Wald- und Niederungsgebiete auf bislang unbekannte steinzeitliche Siedlungsräume hin.
Zum SUBNORDICA-Team des NIhK gehören neben Dr. Svea Mahlstedt, Prof. Dr. Felix Bittmann, Dr. Daniel Hepp, Dr. Moritz Mennenga, Dr. Friederike Bungenstock und Dr. Martina Karle.


Literatur
- Özmaral A, Abegunrin A, Keil H, Hepp DA, Schwenk T, Lantzsch H, Mörz T, Spiess V (2022) The Elbe Palaeovalley: Evolution from an ice-marginal valley to a sedimentary trap (SE North Sea). Quaternary Science Reviews 282: 107453. https://doi.org/10.1016/j.quascirev.2022.107453
- Jöns H, Lüth F, Mahlstedt S, Goldhammer J, Hartz S, Kühn H-J. 2020. Germany: Submerged sites in the south-western Baltic Sea and the Wadden Sea. In: Bailey G, Galanidou N, Peeters H, Jöns H, Mennenga M (eds) The archaeology of Europe’s drowned landscapes. Springer, Cham, pp. 95–123. https://doi.org/10.1007/978-3-030-37367-2_5
