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Die Bestattungssitten der späten RKZ und VWZ in Nordwestdeutschland im Spiegel von Grabausstattungen und Beigaben aus organischen Materialien

Nördlich der Wurt Fallward bei Wremen (Ldkr. Cuxhaven) konnten im Rahmen mehrerer Grabungskampagnen in den 1990er Jahren durch die Archäologische Denkmalpflege des Landkreises Cuxhaven rund 200 Brandgräber unterschiedlicher Form und etwa 60 Körpergräber eines zwischen 300 n. Chr. und der 2. Hälfte des 5. Jh. n. Chr. belegten Friedhofes freigelegt werden. Einige dieser Körpergräber waren so tief in die kleihaltigen Schichten des Strandwalls der Außenweser eingegraben worden, dass sie durch hervorragende Erhaltungsbedingungen für organische Materialien geprägt sind.

In diesen Bestattungen haben sich neben den Skelettresten und Grabeinbauten auch vollständige Beigabeninventare aus verschiedensten organischen und anorganischen Werkstoffen erhalten. Dazu gehört auch der für den europäischen Raum einzigartige, mit Kerbschnitttechnik verzierter Klotzstuhl – der als „Thron aus der Marsch“ überregional bekannt geworden ist.

Durch den hervorragenden Erhaltungszustand der Gräber bietet sich die einmalige Möglichkeit, die Bestattungskultur und -traditionen eines im Barbaricum gelegenen spätantiken Siedlungsraums zu studieren und zu rekonstruieren, dessen Bewohner enge Kontakte sowohl ins spätrömische Reich als auch nach Skandinavien und auf die Britischen Inseln besaßen.

In einem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten, dreijährigen Forschungsvorhaben sollen unter Anwendung eines Methodenkanons aus Textilarchäologie (Christina Peek), Dendrochronologie (Prof. Dr. Aoife Daly), Anthropologie (Dr. Silke Grefen-Peters), Paläogenetik (Prof. Dr. Ben Krause-Kyora) und Paläobotanik (Dr. Steffen Wolters), sechs überdurchschnittlich gut erhaltene Gräber in enger Kooperation mit dem Ausgräber Matthias D. Schön und dem Landkreis Cuxhaven (Kreisverwaltung, Museum Burg Bederkesa) umfassend analysiert werden.

Ziel des Projektes sind dabei nicht allein nur Untersuchungen zur detaillierten Rekonstruktion der einzelnen Grabbefunde und deren gesamter Ausstattung, sondern auch eine möglichst lückenlose Rekonstruktion des genauen Ablaufes der Bestattungssitten und -rituale, um somit erstmals zuverlässige Erkenntnisse zur gesellschaftlichen Organisation der Bestattungszeremonien gewinnen zu können.

Literatur:

C. Peek, A. Rast-Eicher, I. Vanden Berge, Neue Untersuchungen an kaiserzeitlichen und frühmittelalterlichen Textilien aus Fundplätzen des südlichen Nordseeküstengebietes. Siedlungs- und Küstenforschung im südlichen Nordseegebiet 40, 2017, 97-131.

M. D. Schön, Germanische Holzmöbel von der Fallward in Niedersachsen. In: L. Wamser (Hrsg.), Die Römer zwischen Alpen und Nordmeer: zivilisatorisches Erbe einer europäischen Militärmacht. Schriftenreihe der Archäologischen Staatsammlung 1 (München 2000) 231-236.

M. D. Schön, Gräber des 4. und 5. Jahrhunderts in der Marsch der Unterweser an der Fallward bei Wremen, Ldkr. Cushaven. In: M. Fansa/ F. Both/ H. Haßmann (Hrsg.), Archäologie – Land – Niedersachsen. 400 000 Jahre Geschichte. Archäologische Mitteilungen aus Nordwestdeutschland, Beiheft 42 (Stuttgart 2004) 526-534.

M. D. Schön, Gräber eines „Herrenhofes“ an der Fallward bei Wremen, Landkreis Cuxhaven. Siedlungs- und Küstenforschung im südlichen Nordseegebiet 33, 2010, 77-85.

Abb. 1: Bestattung eines Mädchens (Grab 250) Geöffneter Sarg mit vielfältigen Holz- und Textilbeigaben (Foto: Archäologische Denkmalpflege des Landkreises Cuxhaven)
Abb. 2: Verziertes Holzkästchen in Form eines Vogels aus Grab 265 (Foto: Archäologische Denkmalpflege des Landkreises Cuxhaven)
Abb. 3: Fragment eines Köpergewebes des Grabes 435 (Foto: NIhK)
 
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