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Die frühmittelalterliche Siedlung auf der Wurt Hessens im Stadtgebiet von Wilhelmshaven

Freigelegte Holzkonstruktion in dem Fething (Foto: N.N. NIhK)

Die frühmittelalterliche Wurt Hessens liegt am südwestlichen Stadtrand von Wilhelmshaven zwischen der Bahnlinie nach Sande und dem Ems-Jade-Kanal. Obgleich das direkte Umfeld der Wurt im Zuge des Hafenbaus aufgespült wurde, ist der etwa 2 Hektar große Wurtenhügel noch als leichte Erhebung im Gelände erkennbar. Der Fundplatz wurde zwischen 1939 und 1963 durch das NIhK unter der Leitung von W. Haarnagel und W. Reinhardt ausgegraben. Die dabei geborgenen Funde und dokumentierten Befunde wurden von Dr. Annette Siegmüller im Rahmen ihrer Hamburger Dissertation detailliert ausgewertet. Das Projekt wurde von 2005 bis 2007 durch das Ministerium für Wissenschaft und Kultur des Landes Niedersachsen (MWK) gefördert. Die Projektleitung lag in den Händen von W. H. Zimmermann.  Die Auswertung der Grabungen ermöglichte die Gewinnung von weitreichenden Erkenntnissen zur Siedlungsentwicklung und Wirtschaftsweise in der Marsch zwischen dem 7. und 10. Jh. n. Chr. Hervorzuheben sind die hervorragenden Erhaltungsbedingungen in dem feuchten Bodenmilieu der Wurt, die auch Gegenstände aus organischen Stoffen wie Holz, Federn und Textilien bis zu ihrer Freilegung konservierten.

Im Bereich der  Grabungsflächen lagen vier durchgängig bebaute Gehöftparzellen, die sich um einen freien Platz gruppierten. Auf der Freifläche befanden sich ein großer Fething und ein Sodenbrunnen, von denen anzunehmen ist, dass sie gemeinschaftlich genutzt wurden. Innerhalb des Fethings wurde eine massive Holzkonstruktion aus dem 7. Jahrhundert beobachtet, die im Verlauf der Grabung und Auswertung unterschiedlichste Interpretationen von der Palisadenbefestigung bis hin zur Viehtränke hervorgerufen hat. Aufgrund volkskundlicher Vergleiche und einer genauen Analyse des vorhan­denen Fundgutes kam die Bearbeiterin in ihrer Analyse zu dem Schluss, dass es dabei um eine Anlage handelte, in der Schafe gewaschen werden konnten, um möglichst saubere Wolle zu erhalten. Die hochwertige Schafwolle war eines der wichtigsten Exportgüter der Marschenbewohner.

Besonders interessant ist zudem die Entwicklung einer Gehöftparzelle mit Zugang zu einem schiffbaren Priel im Verlauf des 7. Jh. Hier konnte der Umbau vom dreischiffigen Haus mit Stall zum Bootshaus mit Hellinganlage erfasst werden, so dass mit einem verstärkten Warenaustausch per Boot gerechnet werden muss.

    

Rekonstruktion der Besiedlung auf der Wurt Hessens aus dem Jahr 1951 (Zeichnung: Heinz Janszen).

 


Literatur

Siegmüller, A., Bungenstock, F. (2011): Der Anschluss der Wurt Hessens an gezeitenbeeinflusste Wasserwege und die Nachweise für Schifffahrt. Siedlungs- und Küstenforschung im südlichen Nordseegebiet 34, 2011, 321-331.

Siegmüller, A, (2010): Die Ausgrabungen auf der frühmittelalterlichen Wurt Hessens in Wilhelmshaven. Siedlungs- und Wirtschaftsweise in der Marsch. Studien zur Landschafts- und Siedlungsgeschichte im südlichen Nordseegebiet 1. Rahden/Westf.

Siegmüller, A. (2007): Eine frühmittelalterliche Schafwaschanlage auf der Wurt Hessens, Wilhelmshaven - Überlegungen zur Wollverarbeitung im Nordseeküstenbereich und ihrer Bedeutung für die Definition der friesischen Tuche. In: F. Andraschko u.a. (Hrsg.), Archäologie zwischen Befund und Rekonstruktion. Ansprache und Anschaulichkeit. Festschrift für Prof. Dr. Dr. hc Renate Rolle zum 65. Geburtstag, Hamburg, 205-214.

Siegmüller, A. (2007): Peek, C., u. Siegmüller, A., 2007: Kostbarkeiten aus dem Norden? Neue Überlegungen zur Identifizierung Friesischer Tuche. Archäologisches Korrespondenzblatt 37, 2007, 283-296.

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